anrühren, Kunstverein Paderborn 2016

Dr. Alexandra Sucrow
zur Ausstellung anrühren
von Kirsten Brünjes und Sonja Koczula
Kunstverein Paderborn, 28.10.2016

Es ist eine ungewöhnliche Ausstellung, meine Damen und Herren, die sich uns hier bietet – merkwürdig und rätselhaft, gleichzeitig anziehend und irritierend und keinesfalls auf Anhieb entschlüsselbar und verständlich.

Kirsten Brünjes und Sonja Koczula, zwei Künstlerinnen aus Bremen und Hamburg haben das Experiment gewagt und ein gemeinsames Ausstellungskonzept realisiert. Ein Experiment ist so etwas immer – zumindest, wenn es sich bei den Ausstellenden um kein Künstlerpaar handelt, sondern um zwei Persönlichkeiten mit jeweils eigenen Viten, eigenen Karrieren und vor allem einem jeweils eigenen, ausdrucksfähigen Werk.

Kirsten Brünjes und Sonja Koczula haben es gewagt und stellen uns nun dieses Konzept vor.

Und ganz ohne experimentell zu wirken hat diese Kunstschau auf den ersten Blick das Zeug zu einer klassischen Ausstellung: Die Wände bestückt mit großformatiger Leinwandmalerei – graphisch angelegt und mit großzügigem Pinselstrich ausgeführt, dazu an Wänden und auf Podesten kleine, fein und sorgfältig gearbeitete Skulpturen, zierlich und luftig den Raum strukturierend. Insgesamt hinterlässt ein erster Blick einen leichten, fast tänzerischen Eindruck der Objekte im Raum.

Doch natürlich tauchen Fragen auf – zu nah bewegen sich die Motive der Leinwandmalereien etwa an dem großen Bereich der Schriftzeichen und provozieren Entzifferungsversuche unsererseits, zu befremdlich auf den zweiten Blick sind die Skulpturen in Ausstattung und Gehabe. Mit anderen Worten: Nicht zur reinen Erbauung scheinen wir geladen, sondern vielmehr zu Nachdenken und Verstehen gefordert.

Beginnen wir mit den Leinwandmalereien, die uns von den Wänden, durch den Raum, seine Durchblicke und verschiedene Etagen ansprechen, uns zuzurufen scheinen wie große Plakate in der Stadt und entlang den großen Straßen oder wie Hinweisschilder, deren allgemeingültige Symbole uns, während wir uns durch die Welt bewegen, hilfreich begleiten.

In der Tat sind es kraftvolle Motive, die uns Sonja Koczula präsentiert: dunkle Formen, eingebettet in einen hellen Grund, vor dem sie manchmal fast zu schweben scheinen – rätselhafte Zeichen, die den betrachtenden Blick fesseln und Tiefe spüren lassen.

In Öl, Mischtechnik und Graphit malt und zeichnet die Künstlerin dunkle Linien bis breite Bahnen und hellen Grund auf Leinwand oder Papier. Schicht um Schicht baut sie ihre Kompositionen auf. Das also, was wir auf den ersten Blick wahrnehmen, entpuppt sich bei näherem Hinsehen nur als die Spitze des Eisbergs.

Zeichen sind es, in der Form immer irgendwo zwischen flüchtig hingeworfener Notiz und bildhaftem Symbol, die sich klar und bestimmt gegen ihre undefinierte offene Umgebung absetzen. Der meist nicht exakt gelegte fransige Rand der dunklen Zeichnung, dünne Linien, die schemenhaft erkennbar wie unterirdische Gänge den Raum unter der fleckig-hellen Oberfläche durchfurchen oder durch feine Kratzer auf der oberen Schicht oder größere Ausschnitte freigelegt werden, lassen dann jedoch schon eine ganze Welt der Gestaltung unterhalb des Sichtbaren erahnen.

Ein bisher unbekannter Raum tut sich da auf jenseits des unsrigen, der nicht klar erfahrbar ist, der nicht nur das Dunkel der Zeichen birgt, sondern auch Farbe aufleuchten lässt – als schimmernde Idee, als Schatten unter dem hellen Vordergrund oder als leuchtenden Fleck, wenn die stumpf und kalkig wirkende Oberfläche gleich einer Wolkendecke aufreißt und den Blick freigibt auf darunter Liegendes.

Tatsächlich sind viele der Kompositionen von Sonja Koczula angelegt wie ihre großen Arbeiten auf Bütten, die im Gegensatz zu den Leinwänden auf dem Boden liegend angefertigt werden, d. h. die Künstlerin kann die Blätter um- und begehen, arbeitet auf ihnen ganz anders und gestaltet sie auch viel offener, was auch die abschließende obere Ebene betrifft, die hier sehr viel durchlässiger ist, ja: manchmal sogar fast vollständig fehlt.

Bei allen diesen Bildern folgt unser Blick nicht nur intuitiv den auf der Oberfläche angelegten dunklen Linien und Bahnen wie verschlungenen Wegen auf einer Ebene, sondern wir dringen suchend auch in die Komposition ein, wir bewegen uns im Geiste vom klar Sichtbaren hinein in eine wie mit Schleiern verhangene Welt.

Und beide Welten, die sichtbare und die verborgene, die klare und die schemenhafte gehören in den Bildern von Sonja Koczula zusammen, sind kompositionell wie auch inhaltlich miteinander verbunden: Sichtbare Linien sind in Teilen hell übermalt und damit in den Hintergrund geführt oder finden ihre Fortsetzung in feinen und dennoch tiefen Kratzern, die durch die Oberfläche in das Dunkel stoßen. Meist haben die offensichtlichen Zeichen ein schattenhaftes Pendant im Verborgenen oder eine Begleitung durch die Farbe in der Tiefe.

Spannend sind auch die kleinen Arbeiten auf Zeitungspapier, deren Abbildungen die Künstlerin in schwarzer Farbe zusammenfassend übermalt und so optisch wie inhaltlich eine eigene Darstellungsebene über der realen schafft.

Die Bilder von Sonja Koczula begegnen uns wie Botschaften, doch wie solche, deren Sprache uns fremd ist, deren Schrift wir nicht kennen. Botschaften, die uns – so vermuten wir - etwas sagen wollen, die uns, gerade weil ein Entziffern unmöglich ist, irritieren. Wir versuchen, die Zeichen zu deuten, verfolgen alle erkennbaren Spuren -

doch vielleicht stehen die Zeichen von Sonja Koczula ja gar nicht für etwas, sondern sind sich selbst genug, tragen ihre Bedeutung in sich und sind eins mit dieser...

Und vielleicht ist ja der Weg das Ziel, ist unsere Suche, die zwangsläufig einhergeht mit der Spurensuche im Bild selbst, vielleicht ist diese Suche bereits die Aufgabe, welche die Kunst von Sonja Koczula uns stellt... eine anspruchsvolle und befriedigende Aufgabe – Sie werden sehen!

(…)

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